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Der Konsument interessiert nicht mehr: Existiert die Konsumentenrente noch?

Nach Microsoft (1998) ist nun (Oktober 2020) auch die Google-Mutter Alphabet mit einer Monopolklage konfrontiert. Dem Unternehmen wird das Ausnutzen einer monopolistischen Stellung am Markt vorgeworfen. In diesem Beitrag soll es nicht um das Thema “Google als Monopol” gehen. Vielmehr ist der Fall “Google” ein weiteres Beispiel für die zunehmende Ignoranz der Wohlfahrt der Konsumenten - also der Konsumentenrente. 

Konsumentenrente ist die Differenz zwischen der maximalen Zahlungsbereitschaft des Konsumenten für ein Produkt und dem Marktpreis. Je höher diese Differenz (auch aggregiert über mehrere Produkte und Dienstleistungen) ist, desto höher ist die Wohlfahrt des Konsumenten. Nutzt ein Konsument die Gratisangebote von Google, berechnet sich seine Konsumentenrente zunächst aus der Differenz zwischen dem Preis alternativer - also auch vergleichbar in der Qualität -, aber zu zahlender Produkte und dem Preis von Null bei Google. Das Gratisangebot wird durch die Erhebung und den Verkauf von Daten finanziert. Bislang gibt es nur geschätzte Zahlen, wie viel Google pro Gratisnutzer an Einnahmen generiert. Wäre dieser Betrag bekannt, würde die Konsumentenrente kleiner - oder sogar negativ. Das “Gratisangebot” bekommt dann einen Preis, der in Relation zur Zahlungsbereitschaft gesetzt werden muss. Letztlich ergibt sich die Zahlungsbereitschaft nicht mehr aus der Frage: “Wie viel sind mir die Nutzung von Mail, Suchmaschine, Speicher, Fotoverwaltung, etc. wert?” Sondern: “Wie viel sind mir meine Daten wert?” Zu berücksichtigen ist, dass die Nutzung der Daten von Google zu zielgenauer Werbung führt, was ggf. überteuerte und unüberlegte Käufe bedeuten kann. Überteuerte Produkte und Dienstleistungen schmälern natürlich die Konsumentenrente.

Im Fall “Google” ist die Konsumentenrente durch Intransparenz des Preises für Datennutzung möglicherweise verfälscht. Diese Verfälschung kann sich auch erst über einen längeren Zeitraum als Wohlfahrtsverlust erweisen. Wirtschaftspolitik handelt allerdings nicht nur bei Google streitbar und womöglich nicht im Sinne des Konsumenten. Jeder Handelskrieg zwischen Ländern oder Ländergruppen bedeutet weniger Auswahl für Konsumenten (im Falle eines Handelsverbotes) und höhere Preise (im Falle von Handelsbeschränkungen, wenn die Mehrkosten ganz oder teilweise überwälzt werden können). Jeder eskalierende Handelskonflikt wirkt im Modell der Konsumenten- vs. Produzentenrente wie eine Steuer - von der (außer bei Zöllen) nicht einmal der Staat etwas hat. Man muss dazu gar nicht auf die Auseinandersetzung zwischen den USA und China schauen. Die Verhandlungen um den Brexit betreffen Europa direkt. Auch die forcierten Bemühungen um Lieferkettengesetze (Deutschland) bzw. Konzernverantwortungsinitiativen (Schweiz) sprechen dem Konsumenten seine Souveränität ab (den Produzenten sowieso).

Dasselbe gilt beim Comeback der Industriepolitik, ob in Deutschland oder in Brüssel. Mit der staatlichen Anmaßung zu wissen, was zukünftige Technologien und Wirtschaftsstrukturen sind, entscheiden immer weniger die Konsumenten mit ihrer Produktwahl und Zahlungsbereitschaft über Angebot, erfolgreiche Geschäftsmodelle und funktionierende Märkte. Je weniger Mehrwert Konsumenten in Produkten, die evt. auch noch sehr teuer sind, sehen, desto geringer wieder die Konsumentenrente. Zusätzlich muss der Konsument die Industriepolitik und die staatliche Förderung von bestimmten Wirtschaftsstrukturen durch seine Steuerlast mittragen.

Fazit: Die im schnellen Social-Media-Leben um sich greifende Einstellung: “Es gilt nur meine Wahrheit!” macht wirtschaftspolitische Entscheidungen nicht besser. Auch die Wirtschaftspolitik sollte beachten: “There is only one valid definition of business purpose: to create a customer”. (Peter Drucker)

 

(Nützliche) Quellen

https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/konsumentenrente-39569/version-262976 (22.10.2020)

https://www.nzz.ch/wirtschaft/kritik-an-der-eu-deren-wirtschaftspolitik-imitiert-china-ld.1582020 (22.10.2020, ggfs. Bezahlschranke)

https://www.nzz.ch/meinung/googles-gute-dienste-duerfen-besseren-loesungen-fuer-die-nutzer-nicht-im-weg-stehen-ld.1582821 (22.10.2020, ggfs. Bezahlschranke)

Drucker, P. F. (2001). The Essential Drucker: Selections from the Management Works of Peter F. Drucker. Butterworth-Heinemann.

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