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Evidenz ersetzt nicht mutige Entscheidung

Die “manövrierunfähige Wissensgesellschaft” (1)

Der “Wissensarbeiter” ist der Grundstein der Wissensgesellschaft und der zunehmend dienstleistungsorientierten Wirtschaft in den entwickelten Industrieländern - siehe die “Post-Capitalist Society” von Peter F. Drucker. Der “Wissensarbeiter” produziert und verarbeitet Wissen und trifft wissens- oder evidenzbasierte Entscheidungen. Aber: Je mehr Wissen vorhanden und zugänglich ist, desto mehr scheint sich die Wissensgesellschaft selbst zu blockieren.

 

Zu Zeiten der ersten Kaufleute, den UnternehmerInnen der ersten Globalisierungswelle vor dem ersten Weltkrieg und allen ManagerInnen, die noch ohne Internet und mit einem Bruchteil heute verfügbarer Informationen weitreichende Entscheidungen treffen mussten, waren solche Entscheidungen riskant und mutig. Auch PolitikerInnen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts wurden noch als mutige Staatsmänner und -frauen bezeichnet, die ihre politische Karriere hinter das Wohlergehen des Landes gestellt haben (Helmut Schmidt, Margaret Thatcher, etc.).

Wenn in der heutigen Zeit mehr Informationen, Expertise, Erfahrungen usw. existieren, sollte es doch einfacher sein, Entscheidungen zu treffen. Einerseits sinken die Transaktionskosten (2) mit mehr verfügbaren Informationen. Verfügbar heißt: Die Informationen (wie Daten, wissenschaftliche Erkenntnisse, etc.) sind a) vorhanden und b) auch zugänglich, d.h. sie können mit vertretbarem Aufwand abgerufen bzw. kommuniziert werden. Andererseits steigen Transaktionskosten, wenn zu viele Informationen da sind. Die Begründung: Irgendwann gibt es so viele Informationen, dass diese nicht mehr verarbeitet werden können. Als Beispiel aus der vordigitalen Zeit dient das Schachspiel: Theoretisch sind alle denkbaren Kombinationen von Zügen und deren Konsequenzen bekannt und damit berechenbar. Allerdings ist der Mensch nicht in der Lage, diese Rechenarbeit zu bewältigen.

 

Mit der Wissens- und v.a. Informationsgesellschaft sollte das Risiko von Fehlentscheidungen eigentlich geringer geworden sein. Ist dies wirklich so?

  • Das Risiko kann reduziert werden, wenn aus der Flut der verfügbaren Informationen auch die relevanten selektiert und für die Entscheidungsfindung herangezogen wurden. Je mehr Daten und Informationen verfügbar sind, desto wichtiger ist eine Reduktion der Komplexität, um Entscheidungen zu ermöglichen. Allerdings ist es schwierig, dies zu erreichen. Es droht die Gefahr, dass Daten wissentlich falsch selektiert und interpretiert werden. Zudem steigen mit zunehmender Datenmenge und Nachfrage nach Daten - evidenzbasierte Politik - die Zweifel, ob auch das Richtige gemessen wird: “Official knowledge becomes ever more abstracted from lived experience, until that knowledge simply ceases to be relevant or credible.” (3)
  • Die Menge der verfügbaren Informationen kann dazu führen, dass die Nebenwirkungen einer Entscheidung bereits bekannt sind. Es erfordert dann umso mehr den Mut zur Entscheidung, quasi wider besseren Wissens einen bestimmten Weg einzuschlagen und die Meinung zu vertreten, dass der zu erwartende Erfolg ausreicht, Verlierer zu kompensieren und damit alle besser stellen zu können. 

Die Konsequenzen des Paradoxons “Je mehr Informationen, desto schwieriger die Entscheidung!” werden täglich sichtbar:

  • Je mehr Informationen verfügbar sind - was zunächst positiv ist -, desto mehr können sich die Schlussfolgerungen aufheben. Die Fülle von - publizierten und medial durchaus auch beeinflussten - Informationen zu allen Themen der Corona-Pandemie führt dazu, dass Menschen (vermeintlich) gut informiert und begründet sich gegen eine Impfung entscheiden und damit gegen die - ebenso gut begründete - mehrheitliche Rationalität. (Zumindest in den Ländern, wo die Mehrheit sich hat impfen lassen.)
  • In vielen gesellschaftlichen Bereichen, wie z.B. der Gestaltung einer modernen und vielleicht auch familienfreundlichen Arbeitswelt, gibt es inzwischen so viele Studien, Whitepaper, Empfehlungen und Erfahrungen, dass man sich fragt, warum grundlegende institutionelle Rahmenbedingungen noch nicht durch die Politik verändert wurden. Das Sozialversicherungssystem, zumindest in Deutschland, ist wenig kompatibel mit New Work.

Wie könnte die Wissensgesellschaft wieder auf Kurs kommen? Transparenz über die Daten und Motive der Selektion würden Entscheidungen nachvollziehbar machen. Außerdem ist Transparenz die Grundlage für einen gleichberechtigten Diskurs mit den Zweiflern an gut begründeten Entscheidungen. Allerdings steht selbst die Wissenschaft (Stichwort: Zitierskandale und schwierig zugängliche Forschungsergebnisse) bereits vor der Herausforderungen, ihre Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis einzuhalten. Nicht zuletzt fehlt es - immer mehr und insbesondere in der Politik - an mutigen EntscheiderInnen, die das Risiko einer Fehlentscheidung auf sich nehmen: “Sich ja nicht vorwagen, festlegen, ja nicht sagen: „ich will“ oder „da geht’s lang“, bloß kein Risiko eingehen, sondern endlos über Akzeptanzprobleme nachdenken, irgendwann ein Angebot unterbreiten und dann, natürlich in aller Demut vor dem Wählervotum, abwarten, wie die Leute sich entscheiden.” (1) Das wünschenswerte Verhalten, “ohne Visier offen zu kommunizieren - und dies auch in Hinsicht auf Irrtümer und Fehler , die den Entscheidungsträgern unterlaufen sind” (4), wird weder in Politik noch Wirtschaft belohnt. Hier hilft nur Mut!

 

Fazit: Mut zum Risiko brauchte es schon immer, um Entscheidungen zu treffen. In der Wissensgesellschaft braucht es noch mehr mutige EntscheiderInnen. Und absolute Transparenz über das viele Wissen, das einer Entscheidung zugrunde liegt.

 

Quellen und Hinweise:

 

(1) “Corona und Impfverweigerer: Diese hochemotionale Impfung.” 15.11.2021, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/corona-und-impfverweigerer-diese-hochemotionale-impfung-17633749.html. Aufgerufen am 15.11.2021 (Bezahlschranke)

(2) Laut Furubotn, Richter “Institutions and Economic Theory” (2000), Seite 496: Transaktionskosten als “costs of running an economic system or a social system”. Insbesondere die variablen Transaktionskosten (“search and information costs, bargaining and decision costs, supervisory and enforcement costs) sinken bei besserer Informationsverfügbarkeit.

(3) “How statistics lost their power – and why we should fear what comes next” 19.01.2017, https://www.theguardian.com/politics/2017/jan/19/crisis-of-statistics-big-data-democracy. Aufgerufen am 17.11.2021 

(4) "MUTIG DENKEN, selbstreflektiert handeln - osttirol-heute.at." 16.11.2021, https://www.osttirol-heute.at/menschen/mutig-denken-selbstreflektiert-handeln/. Aufgerufen am 17.11.2021

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Der “Wissensarbeiter” ist der Grundstein der Wissensgesellschaft und der zunehmend dienstleistungsorientierten Wirtschaft in den entwickelten Industrieländern. Der “Wissensarbeiter” produziert und verarbeitet Wissen und trifft wissens- oder evidenzbasierte Entscheidungen. Aber: Je mehr Wissen vorhanden und zugänglich ist, desto mehr scheint sich die Wissensgesellschaft selbst zu blockieren.
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