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80%-Teilzeit ist die neue Vollzeit

DIE NOTWENDIGE ARBEITSZEITREVOLUTION

Viel ist von Nachwuchskräftemangel, der 4-Tage-Woche und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Rede. Viel wurde bei Letzterem auch erreicht. Doch noch immer übersteigt die Anzahl der Arbeitstage pro Jahr bei einer Vollzeitstelle die Anzahl der jährlichen Schul-/Betreuungstage. Erst bei 80%-Teilzeit würden sich Arbeit- und Kinderbetreuungszeit ausgleichen.

 

DIE ZAHLEN

Im Bundesland Tirol, Österreich, wird es 250 Arbeitstage im Jahr 2022 geben. Abzüglich des Mindesturlaubs verbleiben 225 Arbeitstage bei einer täglichen Beschäftigung von Montag bis Freitag. Die Schultage belaufen sich im kommenden Kalenderjahr auf 183. In den Sommerferien gibt es in familienfreundlichen Gemeinden ein organisiertes Betreuungsangebot von 7 Wochen. Eltern von Schulkindern können sich somit auf 218 Betreuungstage verlassen (in Kindergärten bzw. Kinderkrippen wären es 230 Tage unter Berücksichtigung des vorgeschriebenen Mindesturlaubs von 4 Wochen für Nicht-Schulkinder). Es verbleiben somit 7 Arbeitstage, an denen Schulkinder nicht betreut sind, aber die Eltern in Vollzeit arbeiten müssten.

 

DIE PROBLEME

Sind beide Elternteile erziehend, muss demnach auf 7 Arbeitstage gemeinsamen (Familien-)Urlaub verzichtet werden. Alleinerziehende können gar keine Vollzeitstelle mit Mindesturlaubsanspruch annehmen. Beide genannten Konsequenzen gelten im besten aller Fälle: Die Kinder gehen 10 Stunden am Tag (auch im großen Teil der Sommerferien) in die Betreuung, werden nicht krank, die Betreuung ist wirklich verlässlich (z.B. kein Wandertag, wo das Kind schon mittags zu Hause ist), der Hin- und Rückweg zwischen Betreuungseinrichtung und Arbeit ist in 1,5 Stunden täglich zu schaffen und die Öffnungszeiten der Einrichtung passen zu den Arbeitszeiten.

 

DIE ÜBLICHEN LÖSUNGEN

Es wird hier ausschließlich aus Sicht des Zeitmanagements argumentiert. Die Fragen nach den wirklichen Bedürfnissen von Kindern und Eltern, den Kosten der Betreuung, der Verantwortlichkeit für die Betreuungsmöglichkeiten und der gesellschaftlichen Wertschätzung von Familien mit Kindern werden nicht diskutiert. 

Welche Lösungen können Eltern (auch alleinerziehende) für das Auseinanderklaffen zwischen Arbeitszeit und Betreuungszeit finden? Eine Lösung ist es, Betreuungszeit einzukaufen - ob bei Tagesmüttern, den eigenen Eltern/Verwandten, zusätzlichen Angeboten in den Ferien (Ferienlager) oder Betreuung in einem Internat inkl. Privatschule. Die übliche Lösung ist die Reduzierung der Arbeitszeit von einem oder beider Elternteile. Auch hier sind die Konsequenzen für das Lebenseinkommen bekannt, sollen aber nicht thematisiert werden.

 

EINE WEITERE LÖSUNG

Bei einer 80%-Stelle, also aus heutiger Sicht: Teilzeit, reduzieren sich die Arbeitstage auf 200, inkl. (verringertem) Urlaubsanspruch (4-Tage-Woche) auf 180 Tage. Dies würde fast genau der Anzahl der Schultage (183) entsprechen. Wenn man den Kindern ihre Ferien weitgehend lassen möchte und keine Betreuungszeit dazu kaufen will oder kann, darf somit die reguläre Jahresarbeitszeit nur 80% des derzeitigen Normalfalls einer Vollzeitstelle betragen. Dies muss nicht - wenn betrieblich machbar - Montag bis Donnerstag oder täglich gut 6 Stunden bedeuten. Wichtig ist es, durch eine reguläre Jahresarbeitszeit von 80% der derzeitigen Vollzeit-Norm den Eltern Flexibilität zu geben (fahren die Großeltern gerne mit den Enkeln in den Urlaub, kann in dieser Zeit mehr als Vollzeit gearbeitet werden). Aber noch viel wichtiger ist es, den Begriff der Vollzeit neu zu definieren. Also: 80% ist die neue Vollzeit!  

 

Fazit: Nicht nur aus der Sicht von Eltern ist eine Vollzeit-Arbeitsstelle schwierig. Geleistete Überstunden, die Attraktivität als Arbeitgeber und inzwischen gut erprobte Möglichkeiten für Homeoffice lassen die 4-Tage-Woche in neuem Licht erscheinen. Noch besser ist, nicht nur für Eltern, die 80%-Jahresarbeitszeit zu diskutieren.

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80%-Teilzeit ist die neue Vollzeit
Blogbeitrag vom 26.10.2021: Viel ist von Nachwuchskräftemangel, der 4-Tage-Woche und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Rede. Viel wurde bei Letzterem auch erreicht. Doch noch immer übersteigt die Anzahl der Arbeitstage pro Jahr bei einer Vollzeitstelle die Anzahl der jährlichen Schul-/Betreuungstage. Erst bei 80%-Teilzeit würden sich Arbeit- und Kinderbetreuungszeit ausgleichen.
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80% part-time should be the new full-time
English Version of blog post from 26th of October 2021: Much has been said about the shortage of young talent, the 4-day week and the compatibility of family and work. Much has also been achieved in the latter. But the number of working days per year for a full-time position still exceeds the number of annual school and care days. Only 80% part-time would work and childcare time balance out.
the-new-fulltime.pdf
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